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Essen auf Lastenrädern


Essen auf Lastenrädern

  • Wiener Zeitung
    10.07.2014

    Wien. An diesem Donnerstag gibt es Sandwich mit Guacamaole, Humus, getrocknete Paradeiser und karamellisierte Balsamico-Zwiebeln. Gerade sind die blauen Erdäpfel-Chips fertig geworden, und eine Mitarbeiterin hebt die Rohscheiben vom heißen Backblech in die Karton-Boxen mit den Brötchen. Es ist 8.30 Uhr. Die Küchenarbeiten sind für heute beinahe abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt steht Rita Huber zusammen mit ihren beiden Küchenhilfen allerdings schon seit fast vier Stunden vor dem Herd. Erschöpfung ist ihr keine anzumerken.

    Die 25-Jährige betreibt seit April dieses Jahres das Wiener Gastronomie-Start-up "Rita bringt’s" - www.ritabringts.at - ein vegetarisches Koch- und Zustellservice, das auf regionale Bio-Ingredienzien, frische Zubereitung, umweltfreundliche Verpackungen und Lieferung per Lastenfahrrad setzt.

    "Es war irgendwie in meinem Kopf, dass ich mit 25 selbständig sein wollte", erzählt Rita, nachdem die Boten ihre Ladung in den Kisten der Lastenräder verstaut und sich auf den Weg zu den Hungrigen gemacht haben: "Der Zeitpunkt für diese Art von Unternehmen war günstig, und irgendwie hat alles gut geklappt."

    Wie gut es wirklich geklappt hat, lässt sich ermessen, wenn man weiß, wie viele Kunden Ritas Mittagsmenüs heute nach bloß dreieinhalb Monaten Geschäftsbetrieb verspeisen: 500 Kunden, darunter mehrheitlich Firmen, aber auch viele Private. Im Schnitt 150 Mittagsmenüs werden jeden Tag bereitet. Der Erfolg des jungen Unternehmens ist umso erstaunlicher, als Rita von der Gastronomie bis vor kurzem noch keine Ahnung hatte. Die studierte Film- und Literaturwissenschafterin beschritt eigentlich eine Karriere im Kulturbetrieb, arbeitete unter anderem für Kino unter Sternen und die Salzburger Festspiele.

    "Ohne es ernsthaft anzudenken, habe ich immer wieder davon geredet, dass ich eines Tages gerne etwas rund ums Essen machen würde", sagt Rita. "Offenbar hat schon länger ein riesengroßer roter Knopf geleuchtet."

    Derjenige, der schließlich diesen Knopf betätigt hat, ist Gerald Költringer, Ritas Schwager und jetziger Geschäftspartner. Der Chef der Kommunikations-Agentur Instant gründete bereits in der Vergangenheit Unternehmen mit originellen Ideen: zuletzt die Neuwagen-Plattform Autogott. Mit dem vegetarischen Essens-Zustelldienst verwirklicht er nun eine andere Geschäftsidee. Noch dazu eine, die sympathisch umweltverträglich ist. "Gerald hat zu Jahresanfang zu mir gesagt: Wenn du Lust darauf hast, ein vegetarisches Lieferservice zu machen, lass’ es mich wissen", erzählt Rita. "Am nächsten Tag hat er wieder angerufen und gesagt: Du, das mit dem Lieferservice. Das meine ich ernst." Noch am selben Tag beschließen die beiden, das Projekt durchzuziehen, und gründen eine GmbH. Rita übernimmt das Kochen, die Zustellung, den gesamten operativen Part. Gerald entwickelt die Corporate Identity, macht das Marketing und erstellt die Website, die für "Rita bringt’s" auch als Kommunikationsplattform dient.

    "Ab Mitte März habe ich damit begonnen, täglich Gerichte auszuprobieren, die von Instant und Autogott-Mitarbeitern verkostet wurden", erzählt Rita, "um zu testen, wie es ist, für so viele Menschen zu kochen." Ursprünglich wollen die beiden Geschäftspartner erst im Herbst den Vollbetrieb aufnehmen, dann geht alles schneller. Das Unternehmen mietet sich in der Küche eines vegetarischen Lokals in der Wiener Innenstadt ein. Am 1. April geht es los. "Wir haben gewusst: Jetzt sind wir noch die Ersten am Markt."

    Weggeworfen wird nichts
    Dass es jetzt so gut funktioniert und das Unternehmen vielleicht schon mit Jahresende schwarze Zahlen schreiben könnte, liegt auch an der smarten Kostenkalkulation und der klugen Nutzung von Informationstechnologie. Anders als ein herkömmliches Restaurant kann Rita aufgrund des Online-Vorbestell-Systems die Mengen, die sie zubereitet, exakt abschätzen. Ohnehin kommen fast täglich Lieferungen, was ein flexibles Einstellen auf den jeweiligen Tagesbedarf ermöglicht. "Wenn wirklich einmal etwas übrig bleibt, mache ich Chutneys oder Aufstriche. Das ist natürlich irre effizient", sagt Rita, "Essen wegschmeißen bringe ich nicht übers Herz."

    Dass das Essen vegetarisch ist, hat nicht nur gesundheitliche oder modische Aspekte. "Verglichen mit Fisch und Fleisch ist das Risiko bei der Verarbeitung von Gemüse minimal", sagt Rita, "außerdem bin ich selbst seit zwölf Jahren Vegetarierin, weil es mir einfach besser schmeckt."

    Die Lastenräder, mit denen die Boxen aus Karton oder recycelbaren Materialien zugestellt werden, sind nicht nur die umweltfreundlichste Transport-Variante: Der Fuhrpark aus drei einspurigen Bullit-Rädern, einem Anhänger und einem dreirädrigen Christiana, alle ausgestattet mit Kühlboxen, kommt in Betrieb und Erhaltung einfach billiger als Lieferwagen. "Uns war von Anfang an klar, dass wir vegetarisch und biologisch kochen wollen", erklärt Rita. "Uns ist eine nachhaltige Lebensweise wichtig. Wenn wir das mit dem Auto zustellen würden, wäre das Konzept kaputt. Es war uns ein Anliegen, Wien ein Stück autofreier zu machen und zu zeigen, was alles mit dem Rad geht." Freiheit und Selbstausbeutung Noch einen Erfolgsfaktor gibt es, der den meisten Jungunternehmern bekannt sein dürfte: Ritas Arbeitsleistung überschreitet regelmäßig die Grenzen zur Selbstausbeutung. Denn der Arbeitstag, der um vier Uhr beginnt, geht nach dem Kochen, Verpacken und Ausführen nahtlos in die administrative Arbeit über, wenn Dienstpläne und Zustellrouten für den nächsten fixiert werden, die Abrechnung gemacht wird, wenn Kunden betreut und Zutaten bestellt werden wollen. "Vor dem Einschlafen", erzählt Rita, "suche ich dann im Internet nach interessanten Rezepten und überlege mir den Menüplan für die nächsten Wochen."

    Etwas einfacher könnte es werden, wenn erst das eigene Lokal in der Mollardgasse im 6. Bezirk bezugsfertig ist. Im Juli soll dort die eigene Küche aufsperren, dann fällt zumindest das Pendeln zwischen Büro und Küche weg. Aber obwohl das Unternehmen fast ihre gesamte Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, geht es Rita "erstaunlicherweise", wie sie sagt, gut: "Wenn es mir keinen Spaß machen würde, könnte ich es nicht durchhalten."

    Kann sie ein Vorbild für all jene Menschen sein, die sich auch einmal am Unternehmertum versuchen wollen? Ritas Ratschlag dazu: "Macht es einfach. Probiert es aus. Man muss nicht unbedingt in die Schule gegangen sein oder eine Lehre gemacht haben, um eine Sache wirklich gut zu machen."

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